H O M E

Ausgabe 03

25.04.2021

alsbald lyrik 03

mit Rahel Baer und Anahita Lotfollahzadeh
Am Strand von Gran Canaria

von Rahel Baer / @einliteraturprojekt.ch

Dieser Kurztext beschreibt die Schönheit von Synästhesien und Verschmelzungs-Zuständen während eines LSD-Trips in Gran Canaria an einem einsamen Sandstrand. Hier kommt der verklärte Blick zum Tragen, der aber gleichzeitig glasklar ist, die Empfindungen wirken real, zumindest im gegenwärtigen Augenblick. Gleichzeitig scheint alles sehr traumartig, wirr, es wird assoziativ gedacht und von Empfindung zu Gedanken und vice versa gesprungen. Es ist nicht auszuschliessen, dass es sich auch tatsächlich um einen Traum handeln könnte – gespielt wird hier mit der Wirkung der Droge als Dämmer- oder Traumzustand, in welchem es nicht immer möglich ist, Realität und Nicht-Realität auszumachen. Durch die vielen Wortspiele hat der Text zudem eine hohe performative Komponente (spoken word). Die beschriebenen Synästhesien und (Traum-)Zustände können während des Vorlesens erlebbar gemacht werden, in dem in einer Performance Wassergeräusche im Hintergrund abgespielt werden und mit blauen Lichtquellen experimentiert wird.

Neugierige Wellen ausufernden Glücks
Fiebern mir entgegen.
Rauschen rudernd, ufern aus in uns drin,
Ergiessen sich
Wellenartig aus dem Mittelpunkt des Meeres hinaus.
Die Gischt, die aufschäumt und übers Ufer tritt,
So trittst du mir entgegen.
Beisst in eine rote rohe Zwiebel,
Saft läuft über die Mundwinkel.
Zwinkerst
Mir mit deinen frohen Augen zu.
Grinst mich an glückversunken auf der
Insel, am Sandstrand,
Wir sind noch nicht gestrandet,
Auf dem Boden der Tatsachen.
Tatsächlich schweben wir schwülstig
In der schwülen Luft in
Gran Canaria.
Auf der runden Wellenschaukel,
Ein Taumel in Sandsturm und
Alles getaucht in Eierschalenweiss,
Flirrender Film in filigranem Porzellanweiss,
Weisst du, dass dies
Ein Moment ist,
Der bleibt.
Eingraviert, marmoriert steinbezogen, felsenfest
In uns drin.

Irgendwann staubbedeckt, mit Altersflecken besetzt.
Liebende Erinnerungen an
Uns.
Uns verlierend an diesem wasserbenetzten Strand,
Vierdimensional sehend von einem Viertel Filzchen
LSD.
Leichtsinnig jugendlich, sinnieren wir später vielleicht sehnsüchtig.
Gleicht alles einem Traum,
Der Wirklichkeit ist,
War,
Wahrlich wunderbar,
Wissend darum,
Dass es ein Ende erreichen
Wird.
Das schwarze Wasser schwappt über den körnigen Sand.
Gespannt, gebannt tapse ich im salzigen Sud,
Die Sonne strahlt mich an,
Die Welt liegt mir zu Füssen,
Ich fasse Fuss, ankere am Grund des
Unergründlichen.
In der Ferne ragen Berge in die Höhe,
Sie bewegen sich.
Räumliche Dimensionen können endlos sein!

Ein paar Millimeter vor der Nasenspitze
Ist die Bergspitze sich
Zuspitzend zur Zirruswolke,
Zierend den Himmel am Horizont.
Deine Augen sind so stechend blau wie der Himmel
Du schaust mich an,
Das Zahnlückenlächeln reflektiert mein Gesicht.
Es ist mir warm von allen wonnigen
Synästhesien.
Das ist es.
Ich sehe dich an und ich höre deine Haut.
Ich berühre dich und sehe azurblau.
Ich rieche dich und schmecke Salzwasser.
Auf die Dünen klettern wir,
Sinken ein in den sandigen Grund,
Sonnenuntergangschauend schaudernd vor
Der Schönheit der tellerblauen roten Sonne
Die untergeht mit uns.
Wir lachen salzige Tränen aus Wasser und Freude.
Zelten unter einer Weide
Im weiten Freien
Mit einer Wolldecke unter einer Felsecke.
Ecken unsere Gedanken an?

Setzen sich fest im Endlosfilm.
Du siehst ein Feld voller Margeritenblumen
Ich sehe es innerlich auch vor mir.
Wir sind in einem Zelt und
Wir sind ein Zelt,
Eine Einheit.
Unsere Hirne sind in einem Zelt,
Sind ein Zelt,
Verschmolzen zu einer gemeinsamen Gehirnmasse.
Zeitmasse und Erdmasse sind eines,
Wir sind verbunden mit allem und doch losgelöst wie eine
Astronautin im All.
Die Nabelschnur an der Raumstation
Sind wir Psychonauten am Sandstrand unter dem Sternenhimmel.
Wir lieben uns unter der Decke,
Und wir bleiben wach.
Bis zum Morgentau im Wolkenmeer.
Ein zarter Film verglühender Verklärtheit bleibt.
Vielleicht für unendlich.
Zumindest für eine Zeit

Es war sonnig. An erleichterten Freitagen, vorfreudegeladenen Samstagen, anekdotengefüllten Sonntagen, selbst an melancholischen Montagabenden, die einen vieles ahnen, aber nichts wissen ließen. Sich wiederholende Muster eines scheinbar verlorenen Sommers. Kein roter Faden, nicht einmal ein Durchsichtiger. Ein paar sonnige Monate für schattige Reflektion.

Abwischen wie Schweiss? Überspielen wie eine Kassette? Rückwärts zurück zu einem Ich, das es nicht mehr gibt? Nein. Leise Was-Wäre-Wenns, nicht angerührtes Potential ungezündeter Feuerwerkskörper, ästhetisch im Moment und selbstzerstörerisch im Abgang, erinnern daran: Plastische Szenarien können nicht vermisst werden, denn sie passierten nicht. Entschärfte Symbole.

Eine romantisierte Mischung aus Pappe, Kunststoff und Chemie. Metaphorische Fetzen eines unvollendeten Momentes von Wärme und Extase, die auf dem Asphalt abkühlen, um morgen von müden Männchen aufgesammelt zu werden. In der Hoffnung, Energie aus ihnen machen zu können. In der Hoffnung, dass ihre kurzlebige Existenz einem Zwecke diene. Dem Zwecke, zu erkennen, dass vergangenes „Das Richtige“ weder richtig noch falsch war. Es war, was es war, und jetzt bist du, wer du bist.

Also bleiben die Eindrücke von Parallelwelten, Knäule aus Hypothetischem. Der Schneeball Effekt, aber in Sonnenstrahlen. Der Schweiß trocknet und mit der Haut verblassen auch die Schatten. Es waren bloß die Lichtverhältnisse.

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